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Artikel: Fred Rai - Warum ich Vegetarier bin   

 
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Charissima
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BeitragVerfasst am: 28.03.2006, 14:51    Titel: Artikel: Fred Rai - Warum ich Vegetarier bin   Antworten mit Zitat

Der Artikel stammt aus dem Buch

"Warum ich Vegetarier bin - Prominente erzählen" von Helmut F. Kaplan (Hg.), rororo-Verlag Juli 1995.

Das Buch ist im Handel nicht mehr erhältlich. Ich habe es im Antiquariat bekommen unter http://www.buecher-fundgrube.de (ist übrigens ein guter Tipp, wenn man ein altes Buch sucht).

Zitat:
FRED RAI Sänger
Präsident der Bundesvereinigung für gewaltfreies Reiten e. V

Eigentlich war der Tag X ein Zusammentreffen von Ereignissen. Ob dies Zufall war oder Bestimmung - ich wage es nicht zu beurteilen. Tatsache aber ist, daß der Verzicht auf Verzehr von toten oder getöteten Tieren seitdem für mich niemals ein Opfer bedeutete; daß ich seit damals allen Tieren mit gutem Gewissen begegnen kann; daß ich mich trotz meiner 52 Jahre gesundheitlich bestens fühle und vor Energie strotze; daß ich schmunzelnd zur Kenntnis nehme, wenn Bekannte von meinem Vegetarismus hören, alle den eigenen geringen Fleischgenuß betonen; daß ich auf der Straße breitgefahrene Tiere mit vollem Recht eklig finden darf und daß alle Tiere, die ich nicht esse, auch nicht grausam, mit Todesangst verbunden, umgebracht werden müssen - und dies ist für mich der springende Punkt.

Wenn man wie ich als Sänger immer mit seinem Pferd, oft zwischen 1000 Menschen, in Sälen auftritt, dies ohne Gefahr für Tier und Mensch und mit dem Wohlbefinden des Pferdes, ist dies nur möglich, wenn man sich mit der Psyche und Verhaltensweise dieser Tiere befaßt. Dies tue ich nun über 20 Jahre. Die ideale Voraussetzung bietet dazu unter anderem meine 84 km2 große Ranch in Arizona. Dort leben meine vielen Pferde in einer Herde im freien Gelände, in die ich aufgenommen und integriert wurde und so die natürlichen Verhaltensweisen und Reaktionen der Pferde erforschen konnte. Ich erkannte, das Pferd ist wohl fast das älteste, aber dennoch am wenigsten verstandene Haustier des Menschen.

Leider als erster mußte ich feststellen, wie ich auch in meinem Buch «Ohne Peitsche ohne Sporen» berichtete, daß das Pferd eines der wenigen Tiere auf der Erde ist, das keinen Schmerzlaut kennt. Es kann nicht schreien, wenn es geschlagen wird. Das Wiehern ist, ähnlich wie beim Hunde das Bellen, nur ein Laut im Stute-Hengst-und Herdenverhalten. Schmerzen jedoch muß es stumm erleiden. Ich stellte fest, daß es als ängstliches Fluchttier nur dann gefährlich ist, wenn es Angst hat. Darüber hinaus hat man nicht nur dem Pferd Gefühle wie Liebe, Eifersucht, Trauer und Glück unterschlagen. Ich konnte Gefühle in einem derartigen Übermaß von Ehrlichkeit feststellen, daß ich Tieren mit Respekt und Achtung begegnen muß. Sie sind grundsätzlich ehrlich, weil sie sich nur so verhalten können, wie es ihre Triebe und Veranlagungen zulassen. Nur der Mensch mit seinem logischen Denkvermögen kann hinterhältig falsch sein, was leider zu einer üblen und üblichen Verhaltensweise bei so vielen geworden ist. Nur der Mensch hat das Bewußtsein des Lebens, wie der alte griechische Philosoph Epikur schon erkannte, und dies ist der entscbeidendste Unterschied zwischen Mensch und Tier. Ein Recht auf Leben aber haben beide. Dies gilt auch für das Recht, anständig, würdig und ohne Qual sterben zu dürfen.

In dieser Zeit wurde ich mit einem für mich entscheidenden Dokumentarfilm konfrontiert. Ein Filmteam des bayerischen Fernsehens verfolgte einen Schlachtpferdetransport von München aus bis in den Süden Italiens.
16 Pferde waren eng in einen LKW mit Hänger gepfercht. Ein unmenschlicher, 3 Tage dauernder Transport begann. Lange Wartezeiten in sengender Sonne an den Grenzen, 3 Tage kein Wasser und kein Futter. Das grausame Ergebnis: 3 tote Pferde am Ankunftsort, 2 gebrochene Beine, viele Verletzungen, die die Rangordnungskämpfe auf engstem Raum forderten. Das Brutalste aber war, daß die Pferde, welche diesen mörderischen Transport überlebt hatten, im Schlachthof, wie dort üblich, mit dem Hammer totgeschlagen wurden. Ein vor Todesangst tobendes Pferd bedurfte 20 Schläge auf den mittlerweile völlig deformierten und blutenden Kopf, bis es endlich tot sein «durfte». Ich schäme mich meiner Tränen nicht, die ich über die Pferde vergoß, die ihren «Herren» und Besitzern als Renn-, Sport- oder Arbeitspferde treu gedient haben und ihnen oft viele tausend Mark verdient hatten.

Meine Recherchen auf deutschen Schlachthöfen daraufhin ergaben leider kein viel besseres Bild. Kühe wurden mit verbundenen Augen mit dem Knüppel vom Viehwagen zur Schlachtbank getrieben, Schlächter rühmten sich zwischendurch, lebende Schweine in die heißen Brühkessel fallen zu lassen, um sich das Umwenden der Tiere zu ersparen - Todesangst, wohin ich auch schaute. Die angstvollen und hilflosen Blicke der sonst so gutmütigen, großen und liebenswerten Kuhaugen ließen mich schuldig fühlen, wenn sie plötzlich nach dem Knall des Todesschusses erloschen. Woher nimmt sich der Mensch das Recht über Leben und Tod?

Zu dieser Zeit entdeckte ich in einer namhaften Illustrierten einen Bericht über den Fleischgenuß des Menschen. Alle Tiere, die ein durchschnittlicher Fleischesser in seinem Leben vertilgt, waren auf einem Bauernhof zusammengetrieben worden. Es war eine erschreckend große Herde auf dem Foto zu sehen. Ich war konfrontiert mit ca. 600 Hähnchen, 60 Schweinen, 15 Kühen, Fischen in großer Anzahl, Schafen usw. All diese Tiere sollten wegen mir getötet und einer furchtbaren Todesangst ausgesetzt werden?
Jeder unnatürliche Tod bei Tier und Mensch löst Todesangst aus, wogegen sich der Körper und der Geist bei einem natürlichen Tode in fast allen Fällen auf das Sterben einstellt. Diese Schuld konnte und wollte ich nicht mehr auf mich laden. Dazu kommt, daß Tiere, die nicht von mir gegessen werden, auch nicht unter den üblichen unwürdigen und nicht artgerechten Massentierhaltungen gezüchtet werden müssen, wo sie in keinem Fall ihre angeborenen Triebe ausleben können.

Entscheidend jedoch war ein Erlebnis in meinem Freizeitpark «Western-City» in Dasing bei Augsburg. Um den Kindern eine Freude zu bereiten, bereicherten wir unseren Streichelzoo mit dem «Seitensprung» eines ganz normalen Hausschweins mit einem in Freiheit lebenden Keiler. Die Liebe dieses Wildschweines schien damals größer gewesen zu sein als die Furcht vor dem menschlichen Anwesen. Miß Piggy, mit den Farben beider Vorfahren versehen, wuchs heran, zahm und folgsam wie ein Hund. Erwachsen geworden, fehlte ihr doch die Gemeinsamkeit eines Artgenossen. Freudig nahm sie das Geschenk eines befreundeten Landwirtes an: ein kleines, blondes, für die Mast nicht geeignetes Spitz-Eber-Ferkel. Heino, wie wir ihn tauften, wuchs schnell zu einem rührenden Liebhaber heran, und die Folgen waren 8 kräftige und gesunde Mischlingsschweine. Freilaufend im Gehege, nicht eingesperrt, zeigte sich ein herzliches und vorbildliches Familienleben. Zwischen Mutter und Vater schlief nachts eng nebeneinandergereiht der zufrieden grunzende gefleckte Familiennachwuchs.

Doch die heranwachsende Schweinerei sprengte langsam die Möglichkeiten unseres Streichelzoos. Wir beschlossen, Heino zu verkaufen. Widerspenstig ließ er sich in den Viehanhänger des Viehhändlers treiben. Als er jedoch das sehnsüchtige und aufgeregte Grunzen seiner Familie hörte, zwängte er sich mit einem gewaltigen Satz über die geschlossene Anhängertür ins Freie. Die ein Meter hohe Umzäunung des Schweinegeheges war ebenfalls kein Hindernis. Angstvoll drängte er sich hinter seine Familie, die sich schützend vor ihn stellte. Dem erfahrenen Viehhändler gelang es jedoch, Heino erneut in das Fahrzeug zu bringen. Das verzweifelte Toben des aus der Familie herausgerissenen Ebers half nichts. Mit nun restlos verschlossener Verladeklappe setzte sich das Gespann in Bewegung. Die fast menschlichen, herzzerreißenden Schreie der hilflos umherrennenden Miß Piggy und die lamentierenden Ferkel werde ich nie mehr vergessen. Heino hörten wir noch weinen - laßt mich dieses sehnsuchtsvolle, fast schmerzhafte Schreien so nennen - bis das Fahrzeug unseren Blicken entschwunden war.

Ich stehe dazu, damals noch Fleischesser: dieses Auseinanderreißen der so harmonischen und funktionierenden Schweinefamilie ist eines der ganz wenigen Dinge in meinem Leben, für die ich mich vor mir selber schäme und die mich belasten. Mir wurde plötzlich klar, welches ausgeprägte Gefühlsleben nicht nur die so intelligenten Schweine haben, sondern alle Tiere. Der Blutzoll, den Heino mit seinem Leben bezahlte, machte mich endgültig zum Vegetarier. Dieser Blutzoll ließ mich Tiere mit anderen Augen sehen, ließ mich Achtung haben vor der Kreatur, ließ mich zum Streiter werden für die leider so unverstandenen Brüder und Schwestern. Denn ob es jemandem paßt oder nicht, wir haben dieselben Vorfahren.

Als Präsident der Bundesvereinigung für gewaltfreies Reiten in Deutschland oder als Dozent in der Akademie des Deutschen Tierschutzbundes für Verhaltensweise und Psyche der Pferde opfere ich nicht nur meine Freizeit, um für Lebewesen zu kämpfen, die in ihrer angeborenen Ehrlichkeit die Achtung des Menschen verdienen. Die nicht unter Todesangst umgebracht und verspeist werden können. Vielleicht kann mir deshalb Heino verzeihen.

Übrigens, Miß Piggy ist mittlerweile 14 Jahre, und niemand kann mir sagen, da Schweine leider immer geschlachtet werden, wie viele glückliche Jahre sie noch in Gemeinschaft ihres Lieblingssohnes bei mir verbringen kann.

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Wer die Menschen kennt, lernt die Pferde lieben.
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